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WeChat – Unsere Erfahrungen mit der Allzweck-App in China

Straßenmusiker akzeptieren WeChat Pay

WeChat – die meistgenutzte App, die niemand kennt. Zumindest gilt das für Europa. Weltweit nutzen über 1 Mrd. Menschen die App – allerdings über 90% davon in China, der Rest überwiegend in anderen asiatischen Ländern. Die Nutzerzahlen in der übrigen Welt fallen mehr als übersichtlich aus.

Bezahlen im Laden mit WeChat Pay
Bezahlen im Laden mit WeChat Pay

Sobald du aber die chinesische Grenze überquerst, fällt dir schnell auf: Überall prangen die WeChat-QR-Codes.

Und mit überall meine ich wirklich überall. Kein Plakat, kein Schaufenster, kein Taxi, kein Flyer, keine Ladenkasse und kein Streetfood-Stand, an dem du nicht den kleinen schwarz-weißen Code entdeckst.

WeChat QR Code in der Mall
WeChat QR Code in der Mall

WeChat ist omnipräsent (meist in Kombination mit dem Konkurrenz-Zahlungssystem AliPay).

Und die Chinesen machen alles mit WeChat. Und auch hier – mit alles meine ich wirklich alles. Bahnfahrten oder Eventtickets buchen, Kinokarten oder Fluttickets kaufen, Arzttermine oder Restaurantreservierungen buchen, Fahrräder oder Regenschirme ausleihen, Nachrichten lesen, mit Freunden kommunizieren – oder eben bezahlen.

Fahrrad ausleihen mit WeChat
Fahrrad ausleihen mit WeChat

Bezahlen mit WeChat

Online oder offline, Großes oder Kleines. Alles wird mit WeChat bezahlt. Von der Übernachtung im 5-Sterne-Hotel über die Stromrechnung bis zur kleinen Spende an den Straßenmusiker, es gibt in China fast nichts, was nicht mittels des Messengers bezahlt werden kann. Und tatsächlich wurden wir in Shanghai mehrfach verständnislos bis genervt angeschaut, wenn wir unser Portemonnaie statt unser Handy gezückt hatten, als es ans Bezahlen ging.

Jeder Foodtruck akzeptiert WeChat Pay
Jeder Foodtruck akzeptiert WeChat Pay
Straßenhändler bezahlen mit WeChat
Straßenhändler bezahlen mit WeChat
Straßenmusiker akzeptieren WeChat Pay
Straßenmusiker akzeptieren WeChat Pay

Doch das gilt erstmal vor allem für Chinesen. Was ist denn mit Ausländern? Können wir WeChat ebenfalls nutzen?

WeChat für Ausländer – geht das überhaupt?

Vorab schonmal: Ja, es funktioniert, wenn auch über einige Umwege. Aber dazu später mehr.

Ich habe vor meiner Abreise nach China natürlich WeChat runtergeladen und installiert. Ging soweit auch alles problemlos.

Die Hürden traten auf, als ich versuchte, WeChat Pay, also den Bezahldienst einzurichten. Denn dafür muss man eine Kreditkarte eintragen und aktivieren. Nun hat WeChat zwar 2017 verlautbaren lassen, dass künftig auch ausländische Kreditkarten zugelassen seien. Nur hat von den vier Karten, die ich ausprobiert habe, keine einzige funktionierte. Egal ob die Kreditkarte der DiBa, der Volksbank, der Sparkasse oder sogar der Miles & More Kreditkarte, alle wurden abgelehnt. Die Möglichkeit, ausländische Kreditkarten zu aktiveren, scheint also eher theoretischer Natur zu sein.

Laut verschiedenen Berichten im Netz kann man sich aber von anderen WeChat-Nutzern Geld auf das WeChat Pay-Wallet schicken lassen. Na, das klingt doch super. Natürlich gleich mal ausprobiert. Und Pustekuchen. Geld von Freunden empfangen kann man nur, wenn man sein Konto bestätigt hat. Und das wiederum geht nur mit chinesischer ID oder chinesischer Bankkarte.

WeChat verlangt ein chinesisches Bankkonto
WeChat verlangt ein chinesisches Bankkonto

Also sind wir gleich am ersten Tag in Shanghai zur Bank getigert. Denn auch hier wieder – laut einigen Berichten im Netz kann man sich problemlos ein Bankkonto einrichten lassen. Und auch hier – Pustekuchen. Ohne Visum keine Chance. Wer also – wie wir – nur wenige Tage in China ist und kein Visum benötigt, bekommt auch ein Bankkonto. Anscheinend wurden die Anforderungen hier in den letzten Jahren deutlich verschärft, so dass die Wahrscheinlichkeit, als Tourist mal eben so ein Bankkonto zu bekommen, deutlich gesunken sind.

Nach einiger Recherche im Netz habe ich dann gelesen, dass das mit der ausländischen Kreditkarte dann funktionieren soll, wenn man die App aus China heraus runterlädt. Da ich mir direkt eine SIM-Karte geholt habe (dafür reicht der Pass aus), habe ich das natürlich auch gleich probiert. Also WeChat gelöscht, neu runtergeladen und mit der neuen SIM-Karte und Handynummer einen neuen Account geöffnet. Aber auch hier – Kreditkarte wurde nicht akzeptiert.

Die Lösung – so kannst du auch als Ausländer mit WeChat bezahlen.

Damit waren also alle gängigen Möglichkeiten, WeChat zu nutzen, ausgeschöpft. Alle, bis auf eine. Denn irgendwo im Netz habe ich noch eine weitere, etwas umständlichere Möglichkeit gefunden, Geld auf sein WeChat-Konto zu bekommen. Dafür ist etwas Vorarbeit nötig und es fallen ein paar Gebühren an – dafür hat man dann aber auch als Ausländer eine funktionierende Option, mit WeChat Pay am chinesischen Zahlungsverkehr teilzuhaben.

Was du dafür brauchst ist ein Account bei TheSwapsy.com. Dabei handelt es sich um eine Geldtausch-Plattform von Nutzer zu Nutzer. Die Plattform selbst stellt nur den Kontakt zwischen den Geldtausch-Willigen her und garantiert die reibungslose Abwicklung. Und lässt sich dafür natürlich mit ein paar Prozent am Tauschbetrag bezahlen.

Das Schöne ist aber: Du kannst via Paypal US-Dollar anbieten und gegen chinesische Yuan tauschen – und dir die Yuan dann direkt in deine WeChat-Wallet einzahlen lassen. Und schwupps, hast du Geld in deiner Wallet und kannst mit WeChat bezahlen. Ganz ohne chinesische ID, Bank- oder Kreditkarte.

WeChat Wallet mit Swapsy aufladen – so funktioniert’s

Damit du WeChat Pay nutzen kannst, wenn du in China bist, habe ich dir hier eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zusammengestellt. Du kannst das alles hier genau so nachmachen und hast innerhalb von wenigen Tagen Geld in einem Wallet. Nur etwas Vorlaufzeit brauchst du dafür.

Schritt 1: Einen Swapsy-Account anlegen.

Als erstes brauchst du einen Account bei TheSwapsy.io. Leg ihn am besten schon von zuhause aus dann. Du musst nämlich die Echtheit deines Accounts bestätigen, indem du einen Scan deines Reisepasses und ein Foto von dir mit Pass hochlädst. Bis das alles verifiziert ist, kann es 1-2 Tage dauern. Ich hatte das zum Glück schonmal für ein anderes Projekt gemacht und mein Account war bereits bestätigt.

Schritt 2: Hol dir einen Zugang zu einem VPN

Da in China viele Internetseiten gesperrt sind (u.a. Google, Facebook, Instagram, Wikipedia und über 10.000 mehr), kommst du z.B. nicht einfach so in den Google PlayStore, um dir WeChat runterzuladen. Ein VPN löst dieses Problem. Dabei handelt es sich quasi um einen Tunnel in ein anderes Land. Du wählst dich also nicht über China ins Internet ein, sondern zum Beispiel über Deutschland, USA oder Japan. Und schwupps, kannst du wieder auf alle Websites zugreifen.

Das Ganze hat zwei Nachteile: Erstens sind in China natürlich auch die meisten VPN-Anbieter gesperrt, so dass du den Zugang schon vorher von zuhause aus anlegen solltest. Ich hatte einen Zugang zu hide.me, der dann aber in China nicht mehr funktioniert hat. Der Anbieter ExpressVPN hat seinen Dienst aber tadellos verrichtet.

Der zweite Nachteil: Natürlich ist so ein Dienst nicht kostenlos. Die Kosten liegen aber meist bei ca. 10€/Monat, sind also verkraftbar. Und außerdem gibt es oft eine 30-Tage-Geld-Zurück-Garantie, so dass du, wenn du eh nur ein paar Tage in China bist, dir danach auch dein Geld zurückholen kannst, wenn du es wirklich so knapp hast.

Einen kostenlosen Anbieter würde ich übrigens nicht nehmen. Denn gerade bei so heiklen Themen wie Daten gilt: Wenn es nichts kostet, bist DU das Produkt.

Also hol dir einen Zugang, solange du noch in Deutschland bist, und lade dir die App auf alle deine Endgeräte. Dann kannst du schonmal unbeschwerter nach China reisen.

Schritt 3: Wenn du in China bist, hol dir eine SIM-Karte

Dieser Schritt ist vermutlich nicht zwingend nötig, dürfte aber trotzdem helfen. Mir wurde von vielen Insidern dazu geraten. Außerdem wird es für dich so leichter, in China online zu gehen. Hol dir einfach in einem Handyshop oder Kiosk eine chinesische SIM-Karte. Es gibt einfache Karten mit 16GB Internet (bei mir waren es wegen einer Aktion nochmal 10GB mehr) für ca. 30 Euro. Dann hast du eine chinesische Handynummer. Ideal ist natürlich ein Handy mit Dual-SIM, ansonsten tut es auch ein zweites Handy.

Schritt 4: Lade dir WeChat runter und richte es ein

Nun kannst du dir über deinen VPN WeChat herunterladen und mit deiner chinesischen Handynummer einrichten. Sobald das geschehen ist, bist du stolzer Wechat-Nutzer und auf dem besten Weg, auch das Wallet einzurichten. Du kannst versuchen, nun deine Kreditkarte hinzuzufügen. Vielleicht klappt es ja sogar. Die Chancen schätze ich als gering ein. Aber deshalb geht es ja jetzt weiter.

Schritt 5: Organisiere dir einen Swap mit Swapsy

Nun solltest du dir chinesische Yuan organisieren. Das ist mit Swapsy relativ einfach. Du gibst einfach an, wieviel Dollar du eintauschen willst und schaust nach, welche Swaps bereits ausgeschrieben sind. Wenn du einen passenden findest, kannst du ihn bestätigen, ansonsten kannst du auch einen neuen eigenen Swap eröffnen.

Der Swap in Swapsy
Der Swap in Swapsy

In meinem Fall habe ich einen Swap genommen, der bereits ausgeschrieben war. Ich habe also dem Gegenüber den entsprechenden Betrag per Paypal in US-Dollar geschickt. Dafür fallen Gebühren für Paypal an, damit musst du einfach leben. Um den Prozess zu beschleunigen, kannst du einen Screenshot deiner Zahlungsbestätigung hochladen. Bei mir wurde die Zahlung dann sofort bestätigt.

Geld per Paypal gesendet
Geld per Paypal gesendet

Der Swap-Partner wird dann aufgefordert, seinerseits den entsprechenden Yuan-Betrag zu senden. Den kannst du dir direkt in den WeChat-Wallet schicken lassen. Bei mir war es nach nur wenigen Minuten soweit – der erste Teil des Betrags ging ein. Laut Swapsy kann es einen vollen Werktag dauern und das Geld kann in mehreren Teilbeträgen eingehen. Bei mir waren es zwei Zahlungen innerhalb von ca. 12 Stunden.

Und schon hast du Yuan auf deinem WeChat Pay Konto und kannst anfangen, zu bezahlen.

Kontostand in WeChat Pay
Kontostand in WeChat Pay

Schritt 6: Doch noch eine Kreditkarte hinterlegen

Nachdem ich nun Geld auf dem Konto hatte, konnte ich übrigens plötzlich doch eine deutsche Kreditkarte hinterlegen. Ob da ein Zusammenhang besteht und ob dieser Schritt überhaupt nötig ist, konnte mir leider noch niemand sagen. Aber ich wollte es hier nicht unerwähnt lassen.

Sprechen Sie WeChat? Die Sprachbarriere

Eine Herausforderung bei WeChat und vor allem bei den unzähligen Mini Programmen, die den Funktionsumfang von WeChat so unendlich groß machen, ist, dass ein Großteil der Texte auf Chinesisch sind. So ploppen bei mir immer wieder mal Hinweise auf, die ich leider einfach nicht lesen kann. Zwar hat mein Galaxy Note 9 die praktische Übersetzungsfunktion mittels S Pen. Das nützt aber bei Pop Ups nichts, denn bis ich den Pen gezückt habe, ist der Hinweis schon längst wieder verschwunden. So weiß ich bis heute nicht, was mir WeChat alles sagen will. Und vielleicht ist das auch besser so, wie ich jetzt beim Thema Datenschutz noch ausführen werde.

Vieles in WeChat ist auf chinesisch
Vieles in WeChat ist auf chinesisch

Wie sieht es mit dem Datenschutz bei WeChat aus?

In Kürze: Wohl nicht so gut. Chinas Regierung hat vollen Zugriff auf alle Inhalte in WeChat. Das bedeutet im Extremfall, die Regierung weiß, wo du bist, was für Nachrichten du schreibst, welche News und Videos du konsumierst, was du einkaufst und wo, welche Verkehrsmittel du bevorzugst, wo du übernachtest, was du gerne isst, welche Kinofilme du dir anschaust – einfach alles!

Für die Chinesen geht das sogar noch einen Schritt weiter. Über die Gesichtserkennung (in China kann man WeChat teilweise schon als Ausweis verwenden) lässt sich eine Person noch eindeutiger identifizieren und über die allgegenwärtigen Überwachungskameras auch offline mit dem WeChat-Profil (und damit dem kompletten Leben) abgleichen. Wenn man das mit dem Social Scoring-Modell in China in Verbindung bringt, kann einem schon schnell etwas mulmig werden…

Übrigens ist davon auszugehen, dass WeChat auch nicht ganz zurückhaltend im Zugriff auf andere Smartphone-Dateien ist. Vielleicht habe ich da sogar zugestimmt, als ich eine der vielen chinesischen Meldungen weggeklickt habe. Ich habe jedenfalls WeChat mittlerweile wieder gelöscht…

WeChat – mein Fazit

Ich fand diesen Ausflug in die potenzielle Zukunft der Messenger-Dienste spannend und bedrückend zugleich. Ja, es macht alles viel einfacher. Man muss nicht mehr zig Websites ansurfen und unzählige Apps installieren, alles ist zentral verfügbar und in Sekundenschnelle zu erledigen.

Wenn man sich aber anschaut, mit welchem Preis diese Bequemlichkeit erkauft wird – nämlich die völlige und totale Überwachung sämtlicher Lebensbereiche – erscheint mir diese Zukunftsvision schon deutlich weniger verlockend. Im Vergleich zu WeChat ist das vielgescholtene Facebook ein echter Vorreiter in Sachen Datenschutz…

Für uns sollte WeChat jedenfalls kein Vorbild sein, zumindest nicht in dieser Konsequenz.

Taxi bezahlen mit WeChat
Taxi bezahlen mit WeChat

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